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Sicherheit / Mafia ?
So sieht sie also aus, die große Mafia. Die beiden oben haben in den 90er Jahren das ausgefochten, was als der "second war of the oligarchs" - der zweite Krieg der Oligarchen in die russische und internationale Presse Eingang fand. Der Mann links mit dem nachdenklichen Gesicht als ehemaliger Herrscher über die russische Aluminiumindustrie (Trans-World-Metal gehörte praktisch Ihm und seinem Bruder) und der Mann rechts mit dem Pullover auf einem der seltenen Fotos von Ihm als neuer Herrscher und Ölbaron. Ein harter Kampf, vermutlich teils auch weit jenseits der Grenzen von Legalität und Anstand ausgefochten. Das ist die Gesellschaft, die man bei uns als die große Mafia ansieht. Dann gibt es noch die kleine Mafia - das sind die käuflichen Verkehrspolizisten und die Beamten, die bei 150 € Monatsgehalt für jede Arbeit einen Extrabonus vom Bürger erhoffen (erzwingen). Das sind die kleinen und größeren Geschäfte, die zwar keine Steuern, dafür aber Schutzgeld an Wachdienste bezahlen und das sind viele viele Träumer. Phantasie und Tatkraft haben die Rußen. Das Land entdeckt die Marktwirtschaft und das eröffnet Chancen. Abramovich (im Bild oben rechts) ist Mitte 30 - so alt, wie ich - und Milliardär. Natürlich wird man das nicht, indem man sich immer erst nach den Regeln erkundigt. Ob das aber irgendetwas mit Mord und Totschlag zu tun hatte - ich wage es ein wenig zu bezweifeln. Zehntausende kleiner und ganz kleiner "Businessmenni" - Geschäftsleute auf neurussisch - versuchen sich da zurechtzufinden und zu orientieren, sind unsicher, tragen schwarze Pullis, schwarze Hosen und fahren einen schwarzen BMW - Mafiosi eben ☺. Dagegen sucht die "echte" Mafia inzwischen nach dem Sinn Ihres Reichtums: Abramovich (s.o.) ist in Chotka in allgemein als fair angesehenen Wahlen mit großer Mehrheit zum Gouverneur gewählt worden und konzentriert seitdem tatsächlich einen guten Teil seiner Arbeitskraft auf das Wohl der Region - Chotka liegt an der Grenze zu Alaska und ist wirtschaftlich eine der reichsten und ärmsten Regionen Russlands: Unter der Erde liegen enorme Rohstoffe (Gas, Öl, Gold) - deshalb "reich", die aber in den vergangenen 10 Jahren deutlich zu teuer in der Erschließung geworden sind, weshalb die Bevölkerung inzwischen auf breiter Basis in Armut lebt. Abramovich geht vor Ort mit sehr viel eigenem Geld und scheinbar solider Arbeit vor - wenn das den Weg für die neue Elite Russlands zeichnet, dann müssen wir unser liebgewonnenes Bild vom reichen alten Russen, der an der französischen Riviera - eine Blondine links und eine rechts - in Champagner badet, wohl deutlich korregieren. Mafia klingt aufregend, setzt aber eine Organisation voraus - ich frage mich manchmal, ob es das außer auf der allerobersten Ebene in einer organisierten Form in Rußland überhaupt gibt. Eher nicht. Das, was an Verbrechen so vorfällt ist wohl in 99 von 100 Fällen unkoordiniert und bei dem einen übrigen Fall kann ich mir keine Meinung bilden - da müssen Sie den ehemaligen Petersburger Governeur fragen. Nur scheint es der Phantasie der Presse und vor allem auch den Russen selbst besser zu gefallen, sich hinter einem Fahrzeugdiebstahl oder einem Einbruch oder auch einem trickreichen Wirtschaftsbetrug eine ganze Mafia oder doch zumindest eine große Bande vorzustellen. "Nur" ein Diebstahl, "nur" Betrug, punktum ? Langweilig! Was Sie als Besucher von St. Petersburg davon - von der Mafia eben - merken ? Nichts. Absolut nichts. Das ist für jeden Touristen alles völlig irrelevant. Enttäuscht ? Das große Mafia-Gruseln ist im Reisepreis nicht inklusive, tut mir leid. Die Berichterstattung über Rußland rückt Dinge in den Mittelpunkt, die den jeweiligen Korrespondenten berichtenswert erscheinen und es im Rahmen der langsamen Entwicklung Rußlands zu einem demokratischen Rechtsstaat sicherlich auch sind. Nur zeichnen diese Berichte ein Bild von einem Land in Chaos und Auflösung, mit Mord und Totschlag und Unordnung an allen Enden, welches schlicht Unsinn ist. Gott oder Putin sei Dank, je nachdem, wen es betrifft. Der russische Staat funktioniert. Im Großen und Ganzen sogar vergleichsweise gut. Die Polizei regelt den Verkehr, verfolgt Diebe und Verbrecher mit leidlichem Erfolg (gerade jetzt im Herbst 2003 erhalte ich eine mail von einer Dame, die Opfer eines Taschendiebs wurde - die Polizei beschaffte innerhalb 60 Minuten die Geldbörse mit komplettem Inhalt zurück - kaum zu glauben). Wenn es brennt, kommt die Berufsfeuerwehr mit einem funktionierenden Feuerwehrwagen und Wasser zum Löschen. Wenn jemand verletzt ist, kommt der Krankenwagen und bringt Ihn ins Krankenhaus, wo er an sich kostenlos (!) behandelt, operiert und hoffentlich gesund entlassen wird. Im harten russischen Winter sorgt dieser Staat übrigens auch dafür, dass die allermeisten von 145 Millionen Russen eine beheizte und mit Strom versehene Wohnung haben - zu Preisen, von denen unserer "Strommafia" in Deutschland schlecht werden würde, so niedrig sind die. Wenn es sein muß, spendiert dieser russische Staat Wohnung, Heizung, Strom und Wasser gratis. Die Eisenbahnen fahren (auch billig), S-Bahn und U-Bahn und Busse und Taxis und Flugzeuge und Autos fahren und kommen an. Telefone funktionieren, man kann e-mails, Briefe, Pakete und Telegramme versenden. Der Staat funktioniert und bietet erstaunlich viel Leistung für kleines Geld - im Regelfall. Vieles ist weit weg davon, optimal oder luxuriös zu sein, aber bei genauem Hinsehen ist es auch nicht so viel schlechter, als im Rest Europas. Dieses Land ist im Umbruch und Aufbruch, es ist interessant, schön und zumindest in St. Petersburg offen und ein Teil Europas. Es gehört nicht zu den russischen Wesenszügen, willkommene Gäste zu belästigen oder sogar auszurauben. Glauben Sie nicht an das, was die Medien als "Bild von Rußland" verkaufen. Das Land ist viel komplizierter, interessanter, chancenreicher, aussichtsreicher, besser und schöner, als diese Bilder. Vor allem ist es sicher für Sie und mich als Touristen. Ich teile mit vielen anderen Ausländern in Russland die sehr kritischen Ansichten über die Qualität und Korrektheit der aktuellen Berichterstattung eines großen Teils der westlichen "freien" Medien in Russland. Oft stehen einem einfach die Haare zu Berge. Leider sind zuviele der alten Garde der Russlandkorrespondenten inzwischen in Pension und das, was nachkommt, beschränkt sich im Aktionsradius auf Moskaus Innenstadt und die Bedienung vorgefasster Meinungen. Die Berichterstattung aus Russland bis Ende der 90er Jahre war meines Ermessens qualitativ viel besser, als das was Sie heute vorgesetzt bekommen. Die Geschichte von dem Auslandskorrespondenten, dessen Arbeitgeber in 2003 erst nach 2 Jahren durch einen verärgerten Leserbrief erfuhr, daß sein Angestellter in Moskau sein Appartmentgebäude fast nie verlassen hatte - sich also seine Geschichten buchstäblich aus den Fernseh-Nachrichten und mehr noch seiner Phantasie zusammengeschrieben hatte, ist leider wahr. Also: Russland ist ein sicheres Reiseland. Seien Sie aber nicht unvernünftig - Sie würden nachts als Frau in Frankfurt auch nicht mal eben im Mini alleine durch die Nebenstraßen des Bahnhofsviertels schlendern. In einem vollbesetzten Bus halten Sie unbedingt Ihre Geldbörse fest - in Berlin und in St. Petersburg gleichermaßen. In diesem Jahr 2004 sind in Petersburg im Zentrum besonders viele Taschendiebe unterwegs, die sich in 3 Sorten teilen lassen: 1. Gruppen weiblicher und jugendlicher Zigeuner, die durch Anrempeln oder aufdrängen Taschendiebstähle versuchen. Leicht zu erkennen und mit etwas Nachdruck auch zu verjagen. Lästig, aber harmlos. 2. Busdiebe, die in Bus und Bahn mitgeführte Taschen und Rucksäcke mit Rasierklingen unbemerkt aufschneiden und leeren. Trickreich, aber lassen Sie Ihren Rucksack halt einfach daheim. 3. Klassische Taschendiebe, die leider trotz mehr Polizei im Bereich der U-Bahn-Eingänge Überfälle verüben. Dort besondere Obacht. ... das alles ist ärgerlich, für eine Millionenstadt (die 4. größte Europas) nicht unüblich und an sich nicht gefährlich. Phänomene wie in den USA oder Brasilien, wo es wegen Handtaschen und andern Kleinstdiebstählen zu sinnloser und völlig überzogener Gewaltanwendung kommt, sind in Russland zum Glück noch unbekannt. Sie sind in St. Petersburg Gast in einer wirklich traditionell sehr gastfreundlichen Gegend Rußlands. Rußland ist nicht nur statistisch, sondern auch im richtigen Leben ein sehr sicheres Reiseland, in dem man sich praktisch so frei bewegen und äußern kann, wie irgendwo anders in unserer Heimat Europa auch. Dies kann ich aus eigener Erfahrung nur voll und ganz bestätigen. |
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