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Top-10  

 

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen auf der Datscha ist es, unter unserem Pavillion im Garten mit weitem Blick über den See zu sitzen und zu lesen.

Die folgenden Titel haben ein Thema gemeinsam: Natürlich Rußland. Teils nur als dünner Faden und teils als Thema.

Es ist - außer eben betreffend den gemeinsamen kleinen Nenner Rußland - eine willkürliche Auswahl und die Erwähnung hier bedeutet, dass ich die Bücher empfehle. Zuletzt hatte ich diese Seite 2002 überarbeitet, nach einem beruflich etwas turbulenten Jahr, in dem ich kaum dazu kam, ein Buch in die Hand zu nehmen. (Mein belesener Freund Gerald würde sicher sagen, das ein solches ein verlorenes Jahr ist - wie recht er wohl hat !) Da in 2003 alles besser geworden ist, kann ich jetzt wieder regelmäßig einige neue Empfehlungen geben.

Nun ja, um wenigstens ein wenig den Unterschied zu verdeutlichen, wie heiß ich mich jeweils dafür begeistern konnte, habe ich 1 - 5 Sternchen vergeben.

Ganz unten auf dieser Seite habe ich mich auch zu einigen Warnungen und Erklärungen durchgerungen. Dies im Licht der Buchmesse 2003, die einige neue "Stars" der russischen Literatur bei uns produziert hat, die das verbrauchte Druckpapier noch weniger wert sind, als ein  Bastei-Roman. Auch das ist wissenswert, hoffe ich.

Einige Leser dieser Seite haben gefragt, warum ich nichts zu Dostojewskij, Pushkin oder wenigstens Nabukov oder Tschechow schreibe: Ich traue mich nicht. Wenn ich zugebe, daß ich "Pnin" einfach langweilig fand, dann werden (zurecht) alle gebildeten Leser feststellen, ich sei ein Ignorant. Das will ich nicht. Also: Wenn Sie mögen, lesen Sie alle russischen Klassiker - Millionen anderer Leser können nicht irren. Es sind einige dabei, die mir auch imponiert haben und sogar einige wenige, die Spaß gemacht haben (was die russische Literatur früher eigentlich nicht als Ihren Auftrag ansah). Welche, verrate ich nicht, ich müßte ja sonst zu den anderen auch etwas sagen..

Bei der zeitgenössischen (leichten) Literatur ist das Bewerten dagegen gefahrlos.

Viel Spaß damit:

Boris Akunin, Türkisches Gambit

Eigentlich sind Historienromane nicht meine Sache. Auch Serien versprechen selten Qualität. Beides täuscht bei Akunin: Der gelernte Philologe geht mit der Sprache virtuos und elegant um, er schreibt spannend, unterhaltsam, modern und doch historisch immer an der Wahrheit. Sein Held Fandorin ist ein aufrechter und ehrlicher Staatsbediensteter, so etwas gehört in Russland derzeit entweder zum Science-Fiction oder eben in die Historie. Leider spielen die Romane meist in Moskau, Petersburg kommt da schlecht weg. Es sei Ihm verziehen.

P.s.: In 2004 wurde das Buch verfilmt und kam 2005 in die Kinos - es wurde der erfolgreichste russische Film aller Zeiten. Auch die anderen Romane Akunins sind empfehlenswert - dieser steht für alle.

btb, 2003

    Datscha-Wertung: * * * *

 

Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks

Es ist eine Schande, daß ich dieses Buch erst in 2003 entdeckt habe und auch nur, weil mich ein sehr netter russischer Professor mit dem Spezialgebiet deutscher Literatur darauf hingewiesen hat (Alexander Belobratow - Hallo !). Schulze hat seine 33 Kurzgeschichten bereits 1995 verfasst und diese beziehen sich auf das St. Petersburg der Jahre 1993 bis 1994. Schulze ist ein fantastischer Beobachter und schreibt wirklich meisterhaft. Mit leichter Hand entwirft er verstörende Bilder von Menschen im Umbruch. Wirklich lesenswert. Vergessen Sie aber bei der Lektüre nicht: 1994 war vor über 10 Jahren. Rußland und seine Menschen sehen heute anders auf sich und die Welt, als Schulze das treffend für seine Zeit in Rußland porträtiert. Hier liegt die Gefahr des Buches: Die Genauigkeit und Unterhaltsamkeit Schulzes, verleiten dazu, nach dem Lesen des Buches tief durchzuatmen und zu sagen "Aha ... so ist er also, der Rußlandmensch!". Das stimmt eben nicht mehr. Vorsicht also ! Aber lesen sollten Sie über die "33 Augenblicke des Glücks" schon. 

          btv, 2003 (man bekommt die gebundene Ausgabe im btv für nur 10 € !)

    Datscha-Wertung: * * * * *

 

Anna Malyschewa, Tod in der Datscha

Neben dem reichlich vorhandenen Müll im Bereich Krimis gibt es auch russische Autorinen, die sprachlich ausgefeilte und gut gemachte Geschichten erzählen. Dazu gehört - ganz vorne - auch Anna Malyschewa. Die erst knapp 30 Jahre alte Autorin schreibt spannend und mit viel Geschick. Schön zu lesen, unterhaltsam und genau gezeichnete Bilder. Sascha ist pleite, hat einen Mann, der nur noch lästig ist und gerade Ihren einzigen Auftrag als Restaurateurin völlig verpatzt. Da wird Sie - als seien das nicht genug Probleme - noch in eine lange zurück liegende Mordgeschichte hinein gezogen. Krimi, Psychothriller, genau gezeichneter Roman mit Humor. Alles richtig - lesenswert.

btb, 2003

    Datscha-Wertung: * * * *

 

J.M. Coetzee, Der Meister von Petersburg

Ein "Standardwerk" der deutschsprachigen Literatur zum Thema St. Petersburg. Ehrlich gesagt habe ich 2 Anläufe gebraucht, um dieses Buch zu lesen. Der Anfang ist langatmig, nicht angenehm und ... irgendwie unelegant. Coetzee schreibt eine Geschichte des Lebens (vor allem des Todes) von Dostojewskij als Roman. Immer nahe an der Geschichte, aber doch Fiktion. Erst sehr spät kann einen dieser Spagat in seinen Bann ziehen. Dann aber genießt man den präzisen Stil Coetzees und die sprachliche Perfektion. Es bleibt ein schwer verdaubares Buch (im Gegensatz zu Dostojewskij, der immer auch ein Augenzwinkern für seine Leser hatte). Die Darstellung St. Petersburgs zur Zeit Dostojewskijs ist fein und bildreich.

Fischer, 1996

    Datscha-Wertung: * *

 

Andrej Kurkow, Picknick auf dem Eis

Wer wie ich knappen und trockenen Stil mag - also Hemingway liest - der wird Kurkow mögen. Auch wenn dessen Geschichten phantastisch sind und alle Vorurteile über das chaotische russische / ukrainische Leben bedienen. Die Kritiker bezeichnen es netter Weise als "makaber und trotzdem lustbetont" und "verrückt". Das alles ist es. Daneben noch wunderbar lesbar und in seiner Verrücktheit sorgfältig und doch leicht konstruiert. Der Held des Romans (der eine Fortsetzung hat, die dem Erstling nicht nachsteht) ist ein Schreiberling, der eine besondere Art der "Kommunalka" mit einem lebenden Pinguin einrichtet und dadurch durch allerlei häßliche Hinterhöfe des großen sowjetischen Reiches ziehen muß. Von Kiew über Moskau nach Tschetschenien und wieder zurück.

Diogenes, 2001

    Datscha-Wertung: * * *

 

Martin Cruz Smith, Nacht in Havanna

Der Thriller "Gorki Park", dessen gelungene Verfilmung Sie vielleicht kennen werden, war als Buch eher sehr schwach, wenn auch im Sog des Films erfolgreich. In "Nacht in Havanna" überrascht Cruz Smith: Er verwendet die gleichen Helden, aber plötzlich kann er schreiben. Wieder steht Arkadi Renko, der Kommisar aus Moskau, im Mittelpunkt der Geschichte. Wieder geht es für Wahrheit und Gerechtigkeit gegen den Rest der Welt (typisch amerikanischer "Plot" also). Diesmal ist es gut zu lesen und sorgfältig gemacht. Der in diesem Buch im Detail gezeichnete russische Charakter Renko fasziniert.

Goldmann, 2001

    Datscha-Wertung: * * *

 

Viktor Pelewin, Generation P

Die "Zäsur in der russischen Literaturgeschichte" (FAZ) ist vor allem ein verwirrendes, gescheit geschriebenes buntes Bild absurder Szenen aus dem Leben eines Werbetexters in Moskau. Die Nachricht liegt zwischen den Zeilen - man kann bei Pelewin fühlen, daß er die Zerrissenheit eines gebildeten, phantasievollen (oh ja, das sind sie!) Russen vermittelt, der seinen Verstand in der Banalität und Schlichtheit des Arbeitsalltags einzurichten versucht. Viele Russen (vor allem solche, die sich gerne mit dem Bildungs-Russen Pelewin identifizieren) finden sich da wieder, weshalb das Buch in der Generation der 30-40 jährigen Russen ein Riesenerfolg ist. Einziger Nachteil: Die wenigen langen Zitate im Text sind nichts, außer anstrengend.

List, 2002

    Datscha-Wertung: * * * *

 

Georgina Wroe, Russische Affären

Terry, der Engländer, in Moskau. Ein bissiger Roman, der Vorurteile über Russland gleichzeitig karikiert und bedient. Das Buch beginnt mit dem denkwürdigen Satz: "Sollte er in seiner einzigen Calvin-Klein Unterhose reisen oder sollte er sich die lieber aufsparen, bis er angekommen war?" Es ist hierbei vom späteren Helden des Romans die Rede.

Goldmann, 2000

    Datscha-Wertung: * * * * 

 

Sandro Veronesi, Sein anderes Leben

Veronesi ist in Italien ein bekannter und etablierter Schriftsteller. In seinem dort sehr bekannten Roman über einen Kinderbuchautor bringt er viel Humor und in angenehmer Weise Nachdenklichkeit zusammen. Es geht um einen Mann, dem gesagt wird, sein gerade verstorbener Vater sei ein Mörder und russischer Spion gewesen. Ein feines, kurzes Buch.

heyne, 2003

    Datscha-Wertung: * * * *

 

Wladimir Kaminer, Militärmusik

Der inzwischen nach Deutschland verzogene Russe Kaminer bringt in 7 lose zusammenhängenden Kapiteln den russischen Teil seines Lebens an den Leser. Das tut er unterhaltsam und mit leichter Hand. Sanfte Ironie und trockener Humor machen das Buch zu einer angenehmen, leider zu kurzen (187 Seiten) Unterhaltung.

P.s.: Kaminer hat inzwischen eine ganze Reihe von Büchern geschrieben und diese sind sehr unterschiedlich ausgefallen. Militärmusik ist und bleibt sein Meisterwerk.

Manhatten, 2001

    Datscha-Wertung: * * * * *

 

Ken Follet, Der Mann aus St. Petersburg

Die Geschichte aus dem London des Jahres 1914, vor dem Hintergrund der sich anbahnenden Revolution in Rußland, zieht einen erst langsam in ihren Bann. Zum Schluß ist es ein fesselnder, durchweg spannender Kriminalroman, der nur ganz selten etwas konstruiert wirkt.

Goldmann, 2000

    Datscha-Wertung: * * *

 

Robert Harris, Aurora

Ein genialer Krimi (Heyne bezeichnet es als Roman) vor historisch perfekt inszeniertem Hintergrund. Faszinierend, glaubwürdig, wirklich fesselnd. Liefert einen echten Grund, eine Nacht durchzulesen.

Heyne, 1998

    Datscha-Wertung: * * * * *

 

Natalija Geworkjan, Aus erster Hand

Aus dem Vorwort: "Wir haben sechsmal mit Wladimir Putin gesprochen. ... wir sind davon überzeugt, daß wir Putin näher gekommen sind." Stimmt wohl. Ein wirklich interessantes Interview über 6 Sitzungen mit drei jungen russischen Journalisten. Intensiv und so echt, wie ein Gespräch mit einem "Politiker" sein kann. Vor der Wahl 2000 entstanden, aber die Veröffentlichung war bis zum Wahltag in Rußland verboten.

Heyne, 2000

    Datscha-Wertung: * * * * 

 

Jürgen Roth, Die roten Bosse

Das Buch ist interessant, weil es eher etwas über unsere westeuropäische Sicht auf Rußland zeigt, als das es über das Thema informiert: Der Autor möchte über die Macht der russischen Tycoone in Europa schreiben, tut dies aber auf niedrigstem sachlichen Niveau, hochspekulativ und ohne Relationen zu beachten. Die vielen interessanten Details machen es lesenswert, das die Schlüsse daraus unzulässig sind sollte Sie nicht stören. Nehmen Sie es als 322 Seiten Bildzeitung über das Phänomen "Mafia" - unterhaltsam, interessant, aber ungeeignet zur alleinigen Meinungsbildung.

Piper, 1999

      Datscha-Wertung: * 

 

Ljudmila Ulitzkaja, Olgas Haus

Ein Roman im besten Sinne. Eine humorvolle Erzählung über das Leben. Sie spielt in Rußland, aber das ist eigentlich Nebensache im Vergleich zu den mit leichter Feder und doch so präzise hingeworfenen Figuren. Klasse.

Volk&Welt, 1999

    Datscha-Wertung: * * * * 

 

Stuart Kaminsky, Tod eines russischen Priesters

Ein geradliniger und spannender Krimi aus einer Serie von sieben Krimis mit "Inspektor Rostnikow" - alle sind empfehlenswert. Das der Autor in Florida lebt und in Rußland Besucher ist, merkt man hier kaum.

Goldmann, 1993

    Datscha-Wertung: * * 

 

Frederick Forsyth, Icon

Der Großmeister des Spannungsromans hat sich mit Russlands Zukunft beschäftigt und obwohl ich den Schluß gerne anders hätte, ist das ein glaubwürdiger Roman der absoluten Spitzenklasse. Der immer noch grandiose, aber etwas spekulative Showdown ist fast die Schwachstelle des Buchs. So kann es kommen, oder?

Bantam, 1996 (ich habe nur die englische Fassung, sorry)

    Datscha-Wertung: * * * * *

 

Tom Clancy, Der Kardinal im Kremel

Ein Spannungsroman mit deutlich schlichterem Strickmuster. Gut gemacht, ohne sich aber von der  Realität beeindrucken zu lassen. Vieleicht der letzte erfolgreiche westliche Rußlandroman vor dem Ende des kalten Krieges. Kaum zu glauben, daß man einmal genau wie Clancy auf Rußland geblickt hat.

Scherz, 1989

    Datscha-Wertung: * *

 

Petra Morsbach, Plötzlich ist es Abend

Ein Roman, der geradezu schmerzhaft ehrlich über St. Petersburg bis Mitte der 90er Jahre und vor allem seine Menschen berichtet. Die deutsche Autorin bringt ein echtes Kunststück fertig: Glaubwürdig und echt erscheint der russische Humor, die Lebenskraft und die Änderung der Perspektive über die Jahrzehnte. Das Buch beginnt im Jahre 1950 und spannt einen Bogen bis heute. Wirklich gut, lesbar und lesenswert.

Eichborn, 1995 (leider nur noch im Antiquariat - unverständlich)

    Datscha-Wertung: * * * * 

 

Regula Venske, Rent a Russian

Noch ein Krimi. Deutsche Autorin und deutscher Schauplatz mit einem russischen Akteur. Gut gemacht, witzig und spannend. Ein bisschen böse für mich als Mann, aber wir vertragen das schon, meine Damen.

Haffmanns, 1995

    Datscha-Wertung: * * 

 

Donald James, Moskauer Roulette

Dieser Spannungsroman spielt im Rußland des Jahres 2015. Der Held: Inspektor Vadim. Er, der aus der Provinz kommt, soll eine Mordserie aufklärend. Ein ernst gemeinter Roman, wirklich spannend, aber manchmal (unfreiwillig?) sehr sehr komisch.

Ullstein, 2000

    Datscha-Wertung: * * * 

 

Henning Mankell, Hunde von Riga

So kennt man den erfolgreichen schwedischen Kriminalauthor  gar nicht: Engagiert und ungewöhnlich unruhig erzählt Mankell die Geschichte seines Helden Wallander in Riga. Spannend, wie alle Mankell Krimis. 

dtv, 2000

    Datscha-Wertung: * * *

 

Die Bücher bekommen Sie im Buchhandel (... hätten Sie es erraten ?) oder im Internet z.B. unter 

www.amazon.de 

 

Noch nicht genug ? Hier sind meine all-time ...

Top-10.

Wie versprochen: Ganz zum Schluß meine Warnung !

Seit der Buchmesse 2003 mit Schwerpunkt Rußland wird auch bei uns "russische Literatur" in großen Stückzahlen gelesen. Die Erfolgsautorinnen des neuen russischen Krimis, Alexandra Marinina, Viktoria Platowa, Polina Daschkowa und Darja Donzowa, sind aber leider allesamt mieser Schund. Nicht ganz ohne Unterhaltungswert, aber so wichtig gelesen zu werden, wie ein Konsalik-Roman und dabei sprachlich teils noch weit ärmer.

Extrembeispiel ist Marinina, die in der deutschen Fassung dank einer sachkundigen Übersetzerin literarisch eher "wertvoller" wird, als im noch schwächeren Original. Lassen Sie die "Ladies of Crime", wie dieses erfolgreiche Quartett-Infernale des russischen Buchmarktes genannt wird, im Regal ruhig stehen. Muß man nicht gelesen haben. Sollte man nicht.

 

Copyright © 2000 "Unsere Datscha in Toksovo", Maria & Klaus Horst Philipp (Adresse)
Stand: 15. Januar 2007
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