|
|
|
|
Sie schwitzen, werden geprügelt und genießen es ? Ganz sicher würde man Sie dafür einen Masochisten schimpfen, würden Sie es nicht mit einem russischen Nationalheiligtum entschuldigen können (wahrscheinlich dem einzigen wirklichen noch dazu). Die Banja (weiblich im Russischen, selbstverständlich - wie konnten die zahlreichen Übersetzer nur auf den schrägen Gedanken kommen, es heiße "das Banja", bitte nicht doch das Neutrum bei etwas derartig emotionsbeladenem), also die Banja ist etwas völlig anderes, als unsere Saunaanlagen.
Für denjenigen, dem beides fremd ist: Eine Sauna ist ein großer Holzkasten, den meistens wohlhabende Menschen bei sich daheim im Keller stehen haben, egal ob in Finnland oder sonstwo - ich habe so einen, weiß also etwa wie es geht. Dieser Kasten hat einen Elektroofen, dieser erhitzt Steine, dies erhitzt wieder den Raum, so sitzt man am Ende bei 95°C (empfohlen) und heizt sich auf und beginnt nach 5-10 Minuten zu schwitzen, nach 15 Minuten ist ein Saunagang zu Ende und nach 2 Saunagängen (beim zweiten Gang schwitzt man eher) sollte man aufhören. Das Hygrometer (so man eines hat) steht dabei meist zwischen 0% und 30% Lufttrockenheit nach dem Aufguß, der einen aus dem Kasten treibt. Nachfolgend bemühe ich mich, Ihnen diese Angelegenheit in Ihrer russischen Urform näher zu bringen: Bis auf die Tatsache, daß auch die Banja ein Holzkasten mit Hitze darin ist, ist alles anders. Zum ersten ist es in Russland eine zutiefst demokratische Sache - praktisch jeder geht in ein Banja - in sein eigenes oder viel öfter ein öffentliches oder das eines Freundes. Dann ist es vorwiegend eine männliche Beschäftigung. ... Die saunierenden Damen mögen es mir verzeihen, aber ich versichere Ihnen, daß weibliche Beteiligung aus einem Gang ins Banja - gewöhnlich einer ernsten Sache - zwangsläufig eine Belustigung macht. Noch schlimmer sind nur die Gänge alleine. Nicht das in der Banja viel gesprochen würde - wird es nicht. Was nicht heißt, daß wichtige geschäftliche Entscheidungen nicht auch in der Sauna fallen würden, aber dort fasst man sich kurz und einigt sich in irgendeiner Form oder im Notfall auch nicht, um dann gemeinsam zu wichtigeren Dingen zu kommen: Der Frage wie man das mit dem Vodka, dem Wasser oder auch dem Bier in der Banja am besten macht (Temperatur !). Wie man die Prügel-Zweige am besten vorbereitet hat und ob nun Birke oder doch ein anderes Holz die beste Durchblutung ergibt und wie sehr man es durchweichen muß. Die genaue Ausführung ist ein unerschöpfliches Diskussionsthema und nachfolgende Angaben sind meine Lieblingswerte: Die Temperatur ist weit geringer, ab 70°C bis maximal 90°C im Ausnahmefall und die Luft ist konstruktiv bedingt immer bis zum Niederschlagspunkt feucht. Dazu kommt die Tortur mit den nassen Zweigen und damit ist eines sicher: In der Banja findet keine Austrocknung statt. (Ist die Luft trocken, ist die Konstruktion der Banja schlecht oder man hat Sie in eine finnische Sauna verschleppt - fliehen Sie, solange Zeit ist, es ist nämlich absolut kein Spaß und noch dazu ungesund, eine russische Behandlung in einer finnischen Sauna zu vollziehen.) Apropos Tortur: Man könnte eher meinen es käme zum Austausch von Zärtlichkeiten unter Männern, wenn man die "Prügel" von jemandem, der das Verfahren beherrscht, einer näheren Betrachtung unterzieht: - die Zweige zunächst über den Körper und die Fußsohlen gezogen - nicht geschlagen
- dann wird das schwammnasse und schon weiche (wie gesagt - dazu gibt es unterschiedliche Ansichten) Bündel zunächst sanft und dann etwas stärker auf den Körper des Banja-Gängers geschlagen / darüber gezogen - dabei dreht man das Bündel und achtet darauf, nicht etwa mit einem trockenen Bündel Schmerzen zuzufügen - das ist nicht Sinn der Sache - vorher feuchtet man es wieder durch, oder noch besser: wechselt zum zweiten Bündel, welches eigentlich dazu gehört und in einer Wanne mit warmem Wasser wartet - die Behandlung geht vom Nacken symetrisch den Körper hinab und wieder hinauf, die Seiten werden nicht ausgelassen - zum Schluß sollten die Fußsohlen wieder einige freundliche Schläge erhalten und es gibt einen Aufguß - wenn der Behandelte insgesamt puterrot ist, ist es gut - die Vorderseite wird in der Regel nicht behandelt, niemals das Gesicht Profis arbeiten mit 2 Bündeln gleichzeitig und befeuchten die Luft mit Wasser aus dem Zweigebotich - aber Achtung, das sollte man können: Wenn Blätter auf den Ofen kommen und verbrennen, entsteht unangenehmer Rauch. Natürlich geht man nur geduscht in die Banja, zumal in eine öffentliche. Nach dem ersten Saunagang ißt und trinkt man etwas. Mitte der 90er gehörte auf jeden Fall und unvermeidlich ein Voditschka (liebkosende Bezeichnung für hochprozentigen Alkohol - "ein Wässerchen") dazu, inzwischen geht es ohne oder mit Bier, ohne daß sich jemand beschweren würde. Mit neuen Bekannten macht es aber den Ablauf durchaus angenehmer, wenn man einen oder zwei Vodka zwischendrin zu sich nimmt. (Kurzer Exkurs: Denken Sie vorher daran - Alkoholgrenze ist null für das Führen von Fahrzeugen in Rußland und um sich aus einem positiven Alkoholtest loszukaufen, sind zumindest 1000 RBL = 30 € nötig. Im Falle eines Unfalls hilft allerdings auch das nicht mehr, also lieber ohne Auto zur Banja, oder besser noch: falls das Ganze auf einer Datscha stattfindet, gleich dort übernachten.) Man kann zwei bis vier Gänge machen, auf keinen Fall aber nach dem ersten aufhören - falls Sie beim ersten Mal als Gast den Genuß hatten, verprügelt zu werden, schulden Sie dem entsprechenden Kollegen einen Dienst ! Man muß nichts Alkoholisches trinken, aber wenn, dann müssen Sie etwas essen und möglichst auch Wasser oder Saft trinken - ansonsten macht der zweite Gang wenig Spaß. Sie müssen sich komplett abkühlen (d.h. kalt schwallduschen oder besser ins Tauchbecken). Gerade die Sache mit dem Tauchbecken mögen viele Westeuropäer nicht so - es könnte sich ja um hygienisch fragwürdiges Wasser handeln. Habt keine Angst, selbst in baulich älteren Banjas kann man ohne Gefahr mal kurz ins Tauchbecken, Sie sollen das Wasser ja nicht trinken ! Am Ende sollten Sie ohnehin kurz duschen. Auch den Kopf sollte man abkühlen - nach den Extremitäten allerdings, niemals zuerst. Zum guten Schluß sitzt man nur noch kurz zusammen und geht dann wieder seiner Wege - im russischen Alltag finden Gänge in die Banja durchaus üblich auch tagsüber und während der Woche statt. Im Gegensatz zur finnischen Sauna fühlen Sie sich nach einem Gang in die Banja nämlich frisch (es sei dann, da war eine Flasche Vodka und die ist von jemandem, der entfernt wie Sie aussieht, mit geleert worden). Typische Einrichtung (unsere eigene Banja am Toksovo See, Beschreibung hier):
die Liegefläche in Brusthöhe:
Der Ofen rechts ist natürlich ein Holzofen, der korrekter Weise vom Nebenraum aus befeuert wird. Vorne erkennen Sie den aufgeklappten Wasserbehälter, er sorgt für das feuchte Raumklima. Der Aufguß erfolgt auf die Steine. Die Konstruktion des Ofens (russisch "Pechik") ist auch so ein endloses Diskussionsthema, besondere Fanatiker lassen sich Ihren Ofen nach jahrelanger Erfahrung dann nach Ihren Vorgaben millimetergenau schweißen. Die handelsüblichen russischen Fabrikate sind aber durchweg auch von Haus aus gut. Ist der Ofen aus dem Ausland (d.h. nicht aus Rußland), ist er schlecht. Ehrlich: Ich habe noch keinen guten Importofen gesehen und das sage ich als Deutscher, aus dessen Heimat die Heiztechnik an sich kommen muß. Die Bank ist möglichst aus einem Holz, welches wenig Feuchtigkeit aufnimmt und möglichst auch schlecht Wärme leitet (bei uns Asine). Nur die obere Bank wird zum Liegen genutzt, auf die untere kommen allenfalls die Füße, wenn in den ersten Minuten die Banja-Gänger gemeinsam die Wärme sitzend genießen. Danach geht es dann ans Werk. Weil der Traktierer genauso erschöpft sein wird, wie der Traktierte (schließlich hatte er seinen Kopf ständig oben - da wo es am feucht-heißesten ist - und arbeitet am meisten), ist danach erst mal Pause. Danach hat das Opfer dann Gelegenheit zur Revanche, dieser zweite Gang ist wie schon gesagt Pflicht. Danach entscheidet sich gemeinsam, ob man zu zwei weiteren Gängen ansetzt. In der Regel wohl ja. Mehr als vier Gänge ist auch wieder selten. Wenn man in größeren Gruppen (z.B. als Eingeladener in einem festen Banja-Kreis) geht, dann finden sich in der Regel Paare - mit dem Eingeladenen geht derjenige, der Ihn angeschleppt hat.
Ideal: Nach dem Gang in die Banja zur Abkühlung in den See ... das Bild stammt von unserer eigenen Banja. . |
|
Copyright © 2000 "Unsere Datscha in Toksovo", Maria & Klaus Horst
Philipp (Adresse)
|